Die Obama-Fans weltweit sind aus dem Häuschen. Der Wahlsieger aber strahlte in der Nacht seines Triumphes nicht nur Freude aus, ihm war auch die Last der Aufgabe anzusehen. Auf Barack Obama warten dicke Brocken, die Erwartungen an ihn sind hoch.
Der Mann hat offensichtlich Lust an der Last der kommenden Aufgaben, sonst hätte er sich nicht zur Wahl gestellt. Aber wer möchte ernsthaft mit Barack Obama tauschen? Der Mann hat einen fast zwei Jahre dauernden Wahlmarathon hinter sich - und er hat auch jetzt so gut wie keine Zeit zum Luftholen. Während George Bush als "lame duck" seine Habseligkeiten im Weißen Haus in die Umzugskisten packt, muss sein Nachfolger schon jetzt aufs Gas drücken: Er muss schleunigst seine Regierungsmannschaft zusammenstellen und eine Strategie ausarbeiten, wie die drängendsten Probleme des Landes und der Welt angegangen werden sollen. Der scheidende Präsident Bush hat nämlich einen Trümmerhaufen hinterlassen.
Der Erfolgsdruck, der auf Obama lastet, ist enorm, viele sehen in dem Wahlsieger den erhofften Erlöser. Doch jeder einzelne Brocken, den er stemmen muss, reichte eigentlich schon aus, doch es sind viele Brocken, die der neue Präsident aus dem Weg räumen muss: Eine Lösung für den Irak muss her und die Wähler warten auf einen vernünftigen Zeitplan für den Rückzug der US-Soldaten. Obama muss im Atomkonflikt mit Iran eingreifen und den Anti-Terror-Krieg in Afghanistan weiterführen - und er muss den ramponierten Ruf der Weltmacht reparieren.
Auch innenpolitisch ist Obama gefordert: 45 Millionen Amerikaner sind nicht krankenversichert, das will er ändern. Das Land ist gespalten: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer und die Mittelschicht bangt um seinen Wohlstand. Die aktuelle Finanzkrise trifft die Mehrheit der Menschen: Jeden Tag werden in den USA 10.000 Häuser zwangsversteigert, die Autohersteller finden keine Käufer für ihre Wagen mehr, die Banken straucheln, die Börsenstürze bringen die Menschen um ihre Ersparnisse, der Staatshaushalt ist eine einzige Katastrophe.
Die Börse reagierte auf Obamas Wahl relativ verhalten, die erhoffte Obama-Euphorie ist ausgeblieben. Der DAX lag teilweise mit zwei Prozent im Minus und auch die Wall Street startete mit Verlusten in den Tag. In Asien hatten die Börsen hingegen zulegen können. Der Finanzexperte Klaus Schrüfer glaubt, dass die Börsen ihr "Freudenfeuer schon vor der Wahl abgebrannt" hatten. Obama sei aber trotzdem genau das, was die Märkte bräuchten.
Die hohen Erwartungen an ihn versuchte der Wahlsieger noch in der Nacht etwas zu dämpfen: "Der Weg wird steinig sein. Wir werden es nicht in einem Jahr schaffen und vielleicht noch nicht in einer Amtszeit." Doch Obama kann abwiegeln, so viel er will: Rund um den Erdball formulieren die Regierungschefs ihre Wünsche an den kommenden Präsidenten. In fast allen Gratulationen klang die Hoffnung an, dass sich die Zusammenarbeit mit den USA in Zukunft wieder verbessern möge.
Bundeskanzlerin Angela Merkel ist "überzeugt, dass wir in enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit (...) den neuartigen Gefahren und Risiken entschlossen begegnen" werden. Die Zusammenarbeit müsse in einem Geist erfolgen, "dass keiner alleine heute die Probleme der gesamten Welt lösen kann", sagte sie am Mittwoch in Berlin. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass sie sich ein "starkes Amerika" wünsche.
Der französische Präsident und amtierende EU-Ratsvorsitzende Nicolas Sarkozy erklärte, Obamas Sieg wecke "gewaltige Hoffnung". "Dies ist ein Wendepunkt für die Vereinigten Staaten. Es könnte auch ein Wendepunkt für die Welt sein", sagte EU-Chefdiplomat Javier Solana. Der britische Premierminister Gordon Brown lobte Obamas "Visionen für die Zukunft".
Ein besonderes "Wahlgeschenk" kam aus Moskau: Der russische Präsident Dmitri Medwedew drückte ein seinem Glückwunsch seine Hoffnung auf eine Verbesserung der derzeit beschädigten Beziehungen zu den USA - und verkündete gleichzeitig, dass er als Antwort auf den geplanten US-Raketenschirm neue Raketen an der Grenze zu Polen stationieren wolle. Damit hat Obama schon vor seinem Amtsantritt die nächste außenpolitische Herausforderung am Hals.
Barack Obama weiß, dass er die Rolle des Hoffnungsträgers hat - und er hat die Aufgabe angenommen. Er kann sich dabei auf eine breite Zustimmung stützen, sein Sieg ist sehr klar ausgefallen: Der Demokrat konnte nach bisherigen Ergebnissen 349 Wahlmännerstimmen gewinnen. Sein Kontrahent John McCain erzielte 162 Stimmen. Entscheidend für diesen grandiosen Erfolg war, dass Obama auch in einigen Swing States und auch in früheren Hochburgen der Republikaner gewinnen konnte.
Komplettiert wurde der Erfolg Obamas durch den Sieg der Demokraten im Kongress: Sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat verfügt die Partei über eine große Mehrheit. Obama hat also vorerst freie Bahn bei der Gestaltung seiner Politik. Mit solchem Rückenwind will Obama die Spaltung von Links und Rechts beenden und die Rückkehr zur alten Größe einleiten: "Mit dieser Wahl, in diesem entscheidenden Augenblick, ist der Wandel nach Amerika gekommen", rief er vor Zehntausenden in Chicago: "Wir werden den amerikanischen Traum neu beleben."
Der Wahlverlierer John McCain zeigte in seiner Niederlage Größe: Er gratulierte Obama zum Sieg und bot seine Hilfe bei der Bewältigung der Aufgaben an.
Kenia flippt vor Freude aus: "Wir gehen ins Weiße Haus!" rufen Obamas ferne Verwandte im Dorf Kogelo, wo Obamas Vater geboren wurde. Obamas Stiefoma trat am Mittwoch vor die Tür, um den Sieg zu feiern. Die Kenianer jubeln, tanzen und singen. Der kenianische Präsident Mwai Kibaki hat den Donnerstag zu Ehren von Obamas Wahlsieg zum nationalen Feiertag ausgerufen.